{"id":5698,"date":"2026-04-30T14:47:00","date_gmt":"2026-04-30T12:47:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verein-sprungbrett.org\/wp\/?p=5698"},"modified":"2026-09-11T16:41:48","modified_gmt":"2026-09-11T14:41:48","slug":"42-jahre-sprungbrett-kein-grund-zum-feiern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verein-sprungbrett.org\/wp\/2026\/04\/30\/42-jahre-sprungbrett-kein-grund-zum-feiern\/","title":{"rendered":"42 Jahre Sprungbrett \u2013 (k)ein Grund zum Feiern"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rede von Prof. Dr. Uwe Becker, Pr\u00e4sident Evangelische Hochschule Hessen zur Jubil\u00e4umsveranstaltung 42 Jahre \u201eSprungbrett Familien- und Jugendhilfe Hanau e.V.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Freitag, 17. April 2026 15.00 Uhr Agora Stadthof Hanau<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr geehrter Herr Dr. Bieri,&nbsp;sehr geehrte Frau Hemsley,&nbsp;sehr geehrte Frau Zinn,&nbsp;lieber Herr R\u00fchl,&nbsp;liebe Mitarbeitende von Sprungbrett,&nbsp;sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1. Sprungbrett: Parteiisch, professionell, partizipativ&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist schon imponierend. Mit Sprungbrett hat sich in dieser Stadt ein gemeinn\u00fctzig anerkannter Jugendhilfetr\u00e4ger etabliert, der ein sensibler&nbsp;Seismograf f\u00fcr soziale und auch sozialpolitische Problemstellungen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mitarbeitenden von Sprungbrett sehen ein Gesicht unserer&nbsp;Gesellschaft, das nicht wenigen, auch der politischen Prominenz, einfach verborgen ist.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Spektrum der Aktivit\u00e4ten von Sprungbrett ist konzeptionell gefiltert.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Sprungbrett orientiert sich an der Hilfe zur Selbsthilfe der Klientel und achtet deren autonome Willensbildung.&nbsp;&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Sprungbrett ist empathisch parteiisch f\u00fcr die Kinder und Jugendlichen und zugleich professionell konzentriert auf einen nicht entgrenzten, sondern sinnvollen, passgenauen und hilfreichen Einsatz der Ressourcen.&nbsp;&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Sprungbrett betreibt keine Moralisierung, die die Schuld f\u00fcr die Misere den Kindern und Jugendlichen zuschreibt (p\u00e4dagogisch hei\u00dft das dann oft mangelhafte Anstrengungsbereitschaft). Sondern Sprungbrett arbeitet kontextbezogen und das hei\u00dft, dass die Mitarbeitenden auch sehen, wie sehr die pers\u00f6nlichen Schwierigkeiten und Notlagen auch gesellschaftspolitisch verursacht sind.&nbsp;&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Sprungbrett nimmt also die Familie, das soziale Umfeld, das&nbsp;System Schule analytisch und ohne moralischen Vorbehalt in den Blick und realisiert auch die institutionellen Barrieren, die sich auftun und Teilhabe gef\u00e4hrden oder gar behindern. Insofern bietet sich f\u00fcr die Mitarbeitenden von Sprungbrett ein klares Bild dar\u00fcber, wo es sich auch um Unzul\u00e4nglichkeiten, wenn nicht gar um ein Versagen der Institutionen handelt.&nbsp;&nbsp;<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Und schlie\u00dflich: Sprungbrett z\u00fcckt nicht den sozialarbeiterischen Rezeptblock, um dann ungefragt Ma\u00dfnahmen bei den Kindern,&nbsp;Jugendlichen und Familien anzuwenden, sondern erarbeitet diese Ma\u00dfnahmen partizipativ&nbsp;<em>mit<\/em>&nbsp;den Kindern und Jugendlichen und&nbsp;<em>mit<\/em>&nbsp;den Eltern und arbeitet zudem meist aufsuchend, also im&nbsp;Lebensumfeld der Klientel. Das erinnert an das Leitbild der UN&nbsp;Behindertenrechtskonvention: \u201eNothing about us, without us.\u201c Nichts \u00fcber uns, ohne uns!<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ich da summarisch zusammengefasst habe, gilt sicher f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen Ambulanten Hilfen zur Erziehung, die Sie vorhalten, das gilt sicher auch f\u00fcr die F\u00f6rderung der Erziehung in den Familien, deren&nbsp;Familienmitglieder nicht zusammen wohnen und ebenso f\u00fcr das Projekt&nbsp;\u201ePuSch\u201c, Praxis und Schule, in dessen Kontext Sie an der Schwelle zur Berufsorientierung in der 8. und 9. Klasse ansetzen. Ebenso wie Sie durch die Diesterweg-Stipendien die F\u00f6rderung der Sch\u00fcler:innen an der Weggabelung zur weiterf\u00fchrenden Schule, also in der 3.\/4. und 4.\/5. Klasse betreibe. Das ist \u00fcbrigens genau die Stelle, an der in Deutschland durch das kritisch zu befragende dreigliedrige Schulsystem sehr fr\u00fch, zu fr\u00fch \u00fcber die bildungsbezogenen Lebensverl\u00e4ufe von Kindern und&nbsp;Jugendlichen Vorentscheidungen getroffen werden. Hier an der&nbsp;Weggabelung zur weiterf\u00fchrenden Schule werden Bildungsverlierer und damit Verlierer gesellschaftlicher Teilhabe produziert.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind auch Parteig\u00e4nger f\u00fcr&nbsp;<em>die<\/em>&nbsp;Jugendlichen, die landl\u00e4ufig als \u201easozial\u201c bezeichnet werden, weil sie delinquent geworden sind. Und um diese vor der Inhaftierung zu bewahren, die \u00fcbrigens f\u00fcr viele der Inhaftierten gleichbedeutend ist mit einem Dauerabonnement im Strafvollzug, arbeiten Sie in Kooperation mit der Justiz an der au\u00dfergerichtlichen Alternative des T\u00e4ter-Opfer-Ausgleichs und der Konfliktschulung wie auch an sozialen Trainingskursen und sinnvollen Arbeitsstundenprojekten statt sinnlosem Strafvollzug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind somit pr\u00e4sent bei den Kindern und Jugendlichen, in den Familien, in den Schulen, im System des Strafvollzugs und schlie\u00dflich auch im Stadtteil durch die ehrenamtlich t\u00e4tigen Stadtteilm\u00fctter, die interkulturell versiert Eltern bei ihren vielf\u00e4ltigen Fragen in der Sorge um ihre Kinder begleiten. Gespr\u00e4che in Stadteilzentren, Hausbesuche und&nbsp;Begleitung bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen bauen Br\u00fccken zwischen Mensch und Mensch, zwischen Menschen und Institutionen und im Sozialraum zwischen Bewohner: innen eines Stadtteils. Das ist, das muss an dieser Stelle deutlich gesagt werden, ein erheblicher Beitrag zur F\u00f6rderung der Demokratie vor Ort.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also, so k\u00f6nnte man nun schlie\u00dfen: Herzlichen Dank und einen herzlichen Gl\u00fcckwunsch zum 42. Geburtstag von Sprungbrett! Alles Gute, macht so weiter, es gibt Grund zu feiern\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber, ein gro\u00dfes Aber tut sich auf: Ja, das ist eine tolle Arbeit, menschennah, klug, vernetzt, f\u00f6rdernd, partizipativ, pr\u00e4ventiv, das Herz am rechten Fleck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber: Wir betreiben hier keine Sozialromantik. Es liegt im Wesen der Sache, es liegt im identifikatorischen Kern des Vereins Sprungbrett, dass wir nach 42 Jahren nicht einen Punkt des selbstzufriedenen Dankes setzen, sondern ein Ausrufungszeichen des Appells, ein Fragezeichen bez\u00fcglich dessen, wie es weitergehen soll und einen Doppelpunkt, weil diese Arbeit, man muss sagen, leider Gottes, immer unverzichtbarer wird. Daher zweitens:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2. Sozialer Seismograf \u2013 der Blick \u00fcber den Tellerrand&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie erw\u00e4hnt bietet Sprungbrett eine seismografische Kompetenz, die darin begr\u00fcndet liegt, dass die rund 30 hauptamtlich Mitarbeitenden und die 15 ehrenamtlich T\u00e4tigen erfahrungsges\u00e4ttigt auskunftsf\u00e4hig sind bez\u00fcglich der Risse, Verwerfungen und Ausgrenzungsprozesse, die sich vor dem t\u00e4glichen Angesicht ihrer Arbeit vollziehen. Das bedeutet auch, dass Sprungbrett nicht nur sozial<em>arbeiterisch<\/em>&nbsp;begleitet und interveniert, sondern auch sozial<em>kritisch<\/em>&nbsp;wahrnimmt, an welchen Stellen sich f\u00fcr Kinder und Jugendliche, f\u00fcr Familien und f\u00fcr Menschen mit&nbsp;Migrationshintergrund Ausgrenzungsgefahren auftun. Ihre soziale Praxis ist kritisch reflektierte Praxis in einem gesellschaftspolitisch rauen Klima.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu nur drei Anmerkungen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;Erstens: Im Rahmen der Erziehungsbeistandsschaft geht es auch um die Planung schulischer und beruflicher Perspektiven und daher um die ersten Br\u00fcckenschl\u00e4ge zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Bei \u201ePuSch\u201c, Praxis und Schule, geht es darum, Sch\u00fcler:innen der 8. und 9. Klasse zu f\u00f6rdern. Das ist nicht irgendetwas Beil\u00e4ufiges f\u00fcr die gesellschaftliche Sozialisation, sondern ganz zentral. Hier werden Kompetenzen f\u00fcr die&nbsp;Ausbildung und den Arbeitsmarkt gest\u00e4rkt und vermittelt. Denn Arbeit im Sinne der Erwerbsarbeit ist gewisserma\u00dfen die \u201eZentrale\u201c der Gesellschaft. F\u00fcr junge Menschen ist der Ausbildungsmarkt dann der \u201eUmkleideraum\u201c, in dem sie sich erst einmal mit der ersten Garderobe der Gesellschaftsf\u00e4higkeit ankleiden. Nicht immer passt da schon gleich jedes Kleidungsst\u00fcck. Arbeit dominiert vielleicht mehr als je zuvor das gesellschaftliche Leben. Aber eben auch das Leben derjenigen, die daran keinen Anteil haben und sich als \u201eArbeitslose\u201c in ein Kollektiv der gesellschaftlich diffamierten Subjekte einreihen m\u00fcssen, wie wir das im Rahmen der Debatte um die Abschaffung des B\u00fcrgergeldes wieder erlebt haben. Diese Diskussion hat den Boden der Sachlichkeit mehrfach verlassen. So wird behauptet, dass hier teilweise Mietkosten von mehr als 20 Euro pro qm \u00fcbernommen werden, dass das B\u00fcrgergeld zu hoch sei und sich daher Leistung nicht mehr lohne, dass Vers\u00e4umnisse von Terminen bis zur Einstellung von&nbsp;Zahlungen f\u00fchren sollen, dass Leistungsbezieher: innen zur Aufnahme von Jobs gezwungen werden sollen und man auch keine Angst vor einem Kahlschlag und Sozialabbau habe. Was hier aufgebaut wird, ist das kollektive Bild von Menschen, die sich \u00fcppig ausgestattet als Sozialschmarotzer der Nation verhalten und st\u00e4rker drangsaliert werden m\u00fcssen, um sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Aber an keiner Stelle wird angemerkt, dass wir auch erhebliche strukturelle Probleme auf dem&nbsp;Arbeitsmarkt haben, warum, insbesondere einfach qualifizierte Menschen keine Chance haben einen Arbeitsplatz zu finden. Fakt ist: Es gibt in unserer auf Erwerbsarbeit zentrierten Gesellschaft fast keinen Status, fast keine biografische Passage, fast keine Lebenssituation, deren Qualit\u00e4t nicht durch Arbeit ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt wird. Auf keinen gesellschaftlichen Faktor wird derma\u00dfen viel Bedeutung projiziert hinsichtlich der sozialen Kontakte und der sozialen Stellung, der Erfahrung von Sinn, der Strukturierung des Lebens. Und faktisch entscheidet Erwerbsarbeit ma\u00dfgeblich \u00fcber materielle Sicherheit, Vorsorge f\u00fcr das Alter, Anerkennung im gesellschaftlichen Gef\u00fcge und im besten Fall auch \u00fcber Vermeidung von Armut, es sei denn man h\u00e4tte ein&nbsp;millionenschweres Konto, das einem erlaubt von den Zinsen \u00fcppig zu leben, auch das gibt es. Alle, die nicht arbeiten, weil sie keine Arbeit finden und alle, die nicht&nbsp;<em>mehr<\/em>arbeiten, weil sie in Rente sind, merken diese enorme Pr\u00e4gekraft des Faktors Erwerbsarbeit. Und immer mehr Rentnerinnen und Rentner realisieren \u00fcbrigens auch, dass die jahrzehntelang getane Arbeit ihnen nicht das N\u00f6tige zum Leben bietet, so dass sie weiterhin als Rentner: innen wenigstens geringf\u00fcgig t\u00e4tig sein m\u00fcssen. Wenn Sprungbrett Br\u00fccken baut f\u00fcr junge Menschen, den Schulabschluss zu schaffen und eine Ausbildung antreten zu k\u00f6nnen, dann deshalb, weil hier realisiert wird, welche fundamentale Bedeutung Erwerbsarbeit hat und wie wichtig es ist, durch Erwerbsarbeit Prozesse der gesellschaftlichen Exklusion, die bis ins Alter anhalten k\u00f6nnen, m\u00f6glichst zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;Und nehmen wir als zweites Beispiel die F\u00f6rderung der Sch\u00fcler: innen in der 3. und 4. Klasse der Grundschule im Rahmen der Diesterweg-Stipendien. Jedes Elternteil wei\u00df, wie gravierend der der Einschnitt von der Grundschule zur sogenannten weiterf\u00fchrenden Schule im Rahmen des dreigliedrigen Schulsystems ist. Das, was immer noch Hauptschule hei\u00dft, das war es einmal, n\u00e4mlich als Mitte der 60er Jahre, zu ihrer Gr\u00fcndungszeit etwa zwei Drittel der Sch\u00fcler: innen im Anschluss an die Grundschule diesen Schultyp besuchten. Heute sind es noch 6-8 Prozent, w\u00e4hrend nun die Realschule zunehmend in den Ruf kommt, eine Restschule von bildungsschwachen Sch\u00fcler:innen zu bilden. Die Bildungsforschung belegt, wie sehr der Besuch der Haupt- aber inzwischen auch der Realschule bei den Sch\u00fcler:innen zur Selbststigmatisierung f\u00fchrt und viele schon mit 12 Jahren das Gef\u00fchl in sich tragen, zu den \u201eLosern\u201c zu geh\u00f6ren, nicht zuletzt auch deshalb, weil Anerkennung im System Schule oftmals nur \u00fcber Noten erfolgt. Hier ist \u00fcbrigens ein Einfallstor der AfD, die sehr geschickt diesen Jugendlichen, die keine Anerkennung erfahren, entgegenkommt mit dem Versprechen, bei ihnen etwas zu z\u00e4hlen und gew\u00fcrdigt zu werden.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bildungsweg, den die Kinder nach der Grundschule mit etwa zehn Jahren gehen, hat enorme Auswirkungen auf die&nbsp;Selbstwahrnehmung und auch den weiteren Biografieverlauf der Sch\u00fcler: innen und sortiert schon sehr fr\u00fch Kinder in drei sehr unterschiedlich bewertete Schultypen aus. Die Gesamtschule hat diese Zergliederung etwas verschoben und beginnt ab der 7.&nbsp;Klasse mit der leistungsbezogenen Differenzierung, was aber das Problem der leistungsbezogenen Sortierung von Lerngruppen nicht behebt. Die Arbeit von Sprungbrett setzt an dieser Problematik an, sofern die F\u00f6rderung von Sch\u00fcler:innen in der 3. und 4. Klasse sie bef\u00e4higen soll, ihr Potenzial zu entwickeln, das oftmals zum Beispiel bei Kindern mit Migrationshintergrund wegen der&nbsp;Sprachbarrieren so fr\u00fch noch nicht ausgepr\u00e4gt ist. Diese&nbsp;F\u00f6rderung ist bem\u00fcht genau das zu verhindern, was droht: Die Exklusion aus wichtigen bildungsbezogenen Kernprozessen gesellschaftlicher Sozialisation, was &#8211; nebenbei gesagt &#8211; bei kapitalstarken Milieus problemlos vermieden wird, weil die&nbsp;Finanzierung f\u00fcr private Nachhilfelehrer: innen oder den intensiven&nbsp;Englischsprachkurs in den Ferien in London kein Problem ist. Im&nbsp;Notfall kann immer noch auf den Besuch einer geb\u00fchrenschweren&nbsp;Privatschule ausgewichen werden. Es ist nachweislich auch die&nbsp;Milieuzugeh\u00f6rigkeit, die, anders als etwa in Schweden, in Deutschland \u00fcber Bildungschancen entscheidet. Die dadurch entstehende strukturelle Ungerechtigkeit zu durchbrechen, bei der Bildungsvorteile in vielen F\u00e4llen nichts mit der faktischen Kompetenz der Sch\u00fcler:innen zu tun haben, ist ein Beitrag, den aus meiner Sicht Sprungbrett hier vor Ort leistet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;Drittens: Wir haben zunehmend in Deutschland das Problem, dass wir Migration als einem Makel der Minderwertigkeit, der Fremdheit und Nichtzugeh\u00f6rigkeit betrachten. Kulturelle Vielfalt wird nicht als&nbsp;Gewinn, sondern als Bedrohung, als ein Verlust der angeblichen Homogenit\u00e4t betrachtet, die vermeintlich zu einem \u201eVolk\u201c geh\u00f6rt. Diese Kultur der \u201eGruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit\u201c nimmt die Tatsache, dass jemand nicht in Deutschland geboren ist, keine deutschst\u00e4mmigen Eltern hat oder dass die sexuelle Identit\u00e4t nicht m\u00e4nnlich oder weiblich fixiert ist, zum Anlass, um teils verbal denunzierend, teils aggressiv gewaltt\u00e4tig gegen diese Menschen vorzugehen: Antimuslimisch, antisemitisch oder homophob motivierte Diskriminierungen geh\u00f6ren mittlerweile zum allt\u00e4glichen Sprachduktus in den Sozialen Medien. Die Arbeit der&nbsp;Stadtteilm\u00fctter ist ein interkultureller Br\u00fcckenschlag, der bem\u00fcht ist, f\u00fcr Eltern Wege passierbar zu machen, die sie und ihre Kinder aus der drohenden Stigmatisierung befreien. Hier werden nicht Vorurteile, sondern hier wird Begegnung gepflegt! Diese Menschen erleben dann eine soziale Wirklichkeit der Gemeinschaft, aus der heraus sie prim\u00e4r als sich um ihre Kinder sorgende Eltern wahrgenommen werden, statt als Menschen aus Syrien, Pakistan oder Afghanistan.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verehrte Anwesende: Alle drei Beispiele zeigen an: Sprungbrett bietet eine Palette an professioneller sozialer Arbeit, ohne die es in Hanau deutlich mehr Menschen geben w\u00fcrde, die von gesellschaftlichem Ausschluss betroffen sind. Sprungbrett leistet daher Enormes zur Herstellung eines sozial-integrativen Klimas in dieser Stadt und tr\u00e4gt ma\u00dfgeblich zur Inklusion derer bei, die am Rande stehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber dar\u00fcber hinaus ist die Wahrnehmungsperspektive der&nbsp;Mitarbeitenden bemerkenswert: Sie gewinnen eine sehr fundierte&nbsp;Anschauung dar\u00fcber, an welchen Stellen Ausgrenzungen in unserer Gesellschaft drohen und wo wir im gesellschaftlichen Gef\u00fcge einen&nbsp;<em>sozialpolitischen Reparaturbedarf<\/em>&nbsp;haben. Gerade weil Sprungbrett damit an der Schnittstelle von gelingender Inklusion oder drohender Exklusion arbeitet, ist dieser Verein auch eine Auskunftsadresse f\u00fcr ein Thema, zu dem ich abschlie\u00dfend einige wenige Bemerkungen machen m\u00f6chte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gemeint ist das gesellschaftspolitische Projekt der Inklusion.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>3. Exklusionen im Inklusionszeitalter?\u00a0<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Machen wir eine kurze Zeitreise in die ersten Jahre nach der\u00a0Inkraftsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 in Deutschland. Der UN-BRK, wie sie genannt wird, geht es bis heute wesentlich darum, f\u00fcr Menschen mit Behinderung bzw. Beeintr\u00e4chtigung, die \u201evolle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft\u201c (Art 3) v\u00f6lkerrechtlich zu verankern. Allerdings bleibt bis heute in vielen F\u00e4llen ungekl\u00e4rt, welche subjektiven Rechte Menschen mit Behinderung vor deutschen Gerichten unter Berufung auf die\u00a0Behindertenrechtskonvention einklagen k\u00f6nnen. Wie kommt das, was grunds\u00e4tzlich gilt, auch tats\u00e4chlich zur Anwendung?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nehmen wir konkret das Thema Bildung, das uns ja auch im Kontext der&nbsp;Arbeit von Sprungbrett besch\u00e4ftigt hat. Artikel 24 der&nbsp;Behindertenrechtskonvention meint dem Sinn nach unter dem Stichwort&nbsp;\u201eintegratives Bildungssystem\u201c, dass jedes Kind mit Behinderung eine&nbsp;Regelschule besuchen kann, mit dem Ziel, dass Kinder und&nbsp;Jugendlichen erfahren, dass \u201eihre Pers\u00f6nlichkeit, ihre Begabungen und&nbsp;Kreativit\u00e4t sowie ihre geistigen und k\u00f6rperlichen F\u00e4higkeiten voll zur Entfaltung\u201c gebracht werden. Die inklusive Beschulung steht also unter dem&nbsp;<em>qualitativen<\/em>&nbsp;Anspruch, orientiert an den Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, aber nat\u00fcrlich gilt das auch f\u00fcr Kinder und Jugendliche ohne Behinderung, ihre pers\u00f6nliche Begabungen und Kompetenzen optimal zu f\u00f6rdern.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Folglich m\u00fcsste man, wie viele Lehrerinnen und Lehrer es tun, eine deutlich bessere Ausstattung und deutlich bessere Rahmenbedingungen der Arbeit einfordern: Kleinere Lerngruppen, Arbeitsm\u00f6glichkeiten in p\u00e4dagogischen Teams, neue Standards der Geb\u00e4udeinfrastruktur, von&nbsp;Klassenr\u00e4umen mit akustischer D\u00e4mmung, Ruher\u00e4ume, farbliche&nbsp;Orientierungen der Geb\u00e4ude unterst\u00fctzt durch Markierungen in&nbsp;Brailleschrift, besseres didaktisches Material. Wenn wir uns aber vor&nbsp;Augen f\u00fchren, dass wir in Deutschland gem\u00e4\u00df der j\u00fcngsten Studie der&nbsp;KfW-Bank (Kreditanstalt f\u00fcr Wiederaufbau) einen enormen&nbsp;Investitionsstau bez\u00fcglich der Schulgeb\u00e4ude haben, die aktuelle Summe bel\u00e4uft sich auf mehr als 67 Milliarden Euro, dass wir erheblichen&nbsp;Lehrer:innenmangel zu verzeichnen haben, der sich in den kommenden&nbsp;Jahren noch versch\u00e4rfen wird, und dass die Umstellung auf digitale Lernformate oftmals nur schleppend voran geht, dann wird deutlich, dass wir schon aus strukturellen Gr\u00fcnden weit davon entfernt sind, die pers\u00f6nliche Begabungen und Kompetenzen von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern optimal zur Entfaltung zu bringen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Probleme, mit denen die Mitarbeitenden von Sprungbrett befasst sind, sei es im Kontext der F\u00f6rderung von Kindern der 3. und 4. Klasse, sei es im Kontext von PuSch, also der individuellen F\u00f6rderung von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern der Stufe 8 und 9 an Gesamtschulen, deuten ja an, wie sehr das bestehende Schulsystem jetzt schon an seine Grenzen st\u00f6\u00dft, ohne dass es hierbei prim\u00e4r um Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung geht. Insofern gewinnt Sprungbrett an der SollBruch-Stelle zwischen dem Anspruch an eine inklusive Schule und seiner praktischen Einl\u00f6sung sehr realistische Einblicke in die Grenzen dessen, was das Schulsystem aktuell leisten kann.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine sehr verehrten Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Sprungbrett ist ein Akteur der Familien- und Jugendhilfe in Hanau, der genau da ansetzt, wo die Selbsthilfekompetenz der Betroffenen, auch aus Gr\u00fcnden des institutionellen Versagens, nicht ausreicht.&nbsp;&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Sprungbrett gewinnt eine sehr erfahrungsbasierte, sozialpolitische&nbsp;Anschauung davon, wo Ausgrenzungen und Exklusionen in&nbsp;Familien, im Schulsystem, im Strafvollzug und aufgrund von Migrationshintergrund drohen und interveniert passgenau.&nbsp;&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Und Sprungbrett bietet schlie\u00dflich einen Pr\u00fcfstein daf\u00fcr, inwiefern die Rede von einer inklusiven Gesellschaft auch nur im Ansatz berechtig ist.&nbsp;&nbsp;<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sind noch weit davon entfernt in einem Inklusionszeitalter f\u00fcr Menschen mit und ohne Behinderung zu leben. Umso mehr ist es gut, dass es in Hanau eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe gibt, die mit an dieser Perspektive arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb, insofern und jetzt erst recht: Herzlichen Gl\u00fcckwunsch!&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede von Prof. Dr. Uwe Becker, Pr\u00e4sident Evangelische Hochschule Hessen zur Jubil\u00e4umsveranstaltung 42 Jahre \u201eSprungbrett Familien- und Jugendhilfe Hanau e.V.\u201c Freitag, 17. April 2026 15.00 Uhr Agora Stadthof Hanau Sehr geehrter Herr Dr. Bieri,&nbsp;sehr geehrte Frau Hemsley,&nbsp;sehr geehrte Frau Zinn,&nbsp;lieber Herr R\u00fchl,&nbsp;liebe Mitarbeitende von Sprungbrett,&nbsp;sehr geehrte Damen und Herren, 1. 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