Wie ein Hanauer Verein Familien und jungen Leuten in Not hilft
Freitag, 27. März 2026, Hanauer Anzeiger / Hanau und die Region

Hanau – Neue Baugebiete, neue Plätze, Stadthof, Kreisfreiheit – Hanau ist im
Aufbruch. Doch während die Stadt an ihrem Profil feilt, gibt es im Stillen
Menschen, die nicht mitkommen. Wenn Eltern überfordert und Kinder abge-
hängt sind, kommt der Verein Sprungbrett ins Spiel. Er bietet Hilfen für Fami-
lien in Not und junge Straftäter. Dabei soll der Name Programm sein: „Der
Verein ist das Sprungbrett ins Leben“, sagt Vorsitzender Horst Rühl im Ge-
spräch mit unserer Zeitung. Seit über 40 Jahren hilft man Menschen, wieder
auf eigenen Beinen zu stehen (siehe Kasten). Das ist ein Grund zum Feiern,
auch wenn der Anlass fast in Vergessenheit geraten wäre.
Geburtstag verspätet gefeiert

Wie auch Geschäftsführerin Claudia Zinn ist Rühl seit 2022 bei Sprungbrett
aktiv. „Nach Corona herrschte Land unter. Strukturen mussten wieder aufge-
baut werden“, blickt Zinn zurück. Damals war so viel zu tun, dass den Verant-
wortlichen nicht auffiel, dass 2024 das 40-jährige Bestehen gefeiert wird. Erst
im vergangenen Jahr merkten sie: Da war doch was. Nun wird der verpasste
Geburtstag mit geladenen Gästen am Freitag, 17. April, im Stadthof nachge-
holt. Im Mittelpunkt steht ein Vortrag von Professor Dr. Uwe Becker unter
dem Titel „Exklusion überwinden“. Laut Zinn und Rühl ist das gleichzeitig
eine Maxime von Sprungbrett: Niemanden ausschließen, alle mitnehmen,
Chancen ermöglichen.

Die Arbeit des Vereins ist so vielschichtig wie die Probleme der Menschen,
die zum Vereinssitz an der Richard-Küch-Straße kommen. An erster Stelle
stehen die ambulanten Hilfen zur Erziehung. Dort gehen die Fachkräfte di-
rekt in Familien – mit dem Ziel, den Alltag zu strukturieren, Krisen zu bewälti-
gen und die Erziehungskompetenz von oft psychisch belasteten Eltern zu
stärken. Und zwar, bevor Situationen eskalieren. Fälle von Kindeswohlgefähr-
dung haben laut Zinn ebenso zugenommen wie die Zahl an Familien in finan-
zieller oder sozialer Not. Etwa 80 von ihnen werden pro Jahr unterstützt.
„Wenn wir es erreichen, dass ein Kind ab sofort regelmäßig in die Schule
geht, dann haben wir schon viel geschafft“, sagt Rühl.
Dort setzt der zweite Schwerpunkt an: die Arbeit an Schulen. Etwa mit Pro-
jekten wie „PUSCH“ (Praxis und Schule). Das richtet sich an Jugendliche, die
den Halt zu verlieren drohen. Die Schüler verbringen zwei Tage der Woche in
Betrieben und drei in der Schule. Die Fachkräfte helfen nicht nur bei der Su-
che nach Praktikumsplätzen oder Bewerbungen, sondern fangen die Jugend-
lichen auch bei persönlichen Krisen ab. Ziel ist es, Frust gegen Erfolgserleb-
nisse einzutauschen und den Hauptschulabschluss als sicheres Ticket in eine
Ausbildung zu erreichen. Neben PUSCH ist soziales Lernen in der Gruppe ein
großes Thema.

Auch in der Präventions- und Bildungsarbeit ist Sprungbrett aktiv. Dort sind
es die „Stadtteilmütter“ „, die als Brückenbauer fungieren und derzeit 147 Fa-
milien mit 340 Kindern betreuen. „Sie sind essenziell, auch, weil sie viele
Sprachen sprechen“, sagt Rühl. Die Ehrenamtlichen kennen die Quartiere
und bieten Informationen rund um Unterstützungsangebote für Kinder und
Familien bis hin zur Begleitung bei Behördengängen. Mit dem Diesterweg-
Stipendium setzt der Verein zudem dort an, wo Herkunft noch immer über
Bildungschancen entscheidet, und ebnet begabten Kindern den Weg aufs
Gymnasium.

Nicht zuletzt übernimmt Sprungbrett eine wichtige Rolle in der Jugendhilfe
im Strafverfahren. Im neuen „Haus des Jugendrechts“ vermittelt der Verein
im Täter-Opfer-Ausgleich, bietet soziale Trainingskurse und Arbeitsstunden-
projekte an. Bei Vorfällen oft Dreh- und Angelpunkt: Schulen. Dort verschärft
sich nach Wahrnehmung des Vereins das Klima. Laut Geschäftsführerin Zinn
nehmen Fälle von Körperverletzungen – etwa die Schlägerei auf dem Pau-
senhof – ebenso zu wie Mobbing.

Die Arbeit des Vereins, der 30 Mitarbeiter beschäftigt, kostet viel Geld. Dafür
ist man nicht nur auf öffentliche Mittel, sondern auch auf Spenden angewie-
sen. „Wir fahren jedes Jahr an der Nulllinie. Ab und an müssen wir von der
Substanz leben“, macht Rühl deutlich. Er sieht in der Arbeit des Vereins, die
nur dank eines „tollen Teams“ möglich sei, auch ein „Sparprogramm für die
Gesellschaft“. Wenn Menschen wieder auf eigenen Beinen stehen können,
seien Unterstützungsleistungen des Staates nicht mehr nötig.
Für die Zukunft hat das Führungstandem mehrere Wünsche. „Entbürokrati-
sierung“, sagt Rühl und muss dafür nicht lange überlegen. „Dass wir die Men-
schen im Blick behalten und sie nicht zu Fällen werden.“ Mit Blick auf die Kli-
enten, von denen viele Migrationshintergrund haben, betont Zinn: „Es darf
keine Menschen zweiter oder dritter Klasse geben. Wir dürfen nicht die Inte-
grationspolitik, die man geschaffen hat, wieder abschaffen.“ Damit der
Sprung ins Leben für jeden in Hanau möglich bleibt.
Christian Dauber

Anlaufstelle im Lamboyviertel
Der Verein ist 2002 aus dem Zusammenschluss des Vereins zur Förde-
rung der Jugendgerichtshilfe Hanau (seit 1984) und der Familien- und Ju-
gendhilfe Hanau (seit 1987) entstanden. Auch der Verein für Jugendhilfe
aus Gelnhausen ist darin aufgegangen. Vorsitzender ist Horst Rühl, Ge-
schäftsführerin Claudia Zinn. Die zentrale Anlaufstelle befindet sich an
der Richard-Küch-Straße 4 im Lamboyviertel. Die Einrichtung ist unter
06181/1805210 oder per E-Mail an info@verein-sprungbrett.de erreichbar.
Weitere Informationen gibt es online unter www.verein-sprungbrett.org

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