Rede von Prof. Dr. Uwe Becker, Präsident Evangelische Hochschule Hessen zur Jubiläumsveranstaltung 42 Jahre „Sprungbrett Familien- und Jugendhilfe Hanau e.V.“

Freitag, 17. April 2026 15.00 Uhr Agora Stadthof Hanau

Sehr geehrter Herr Dr. Bieri, sehr geehrte Frau Hemsley, sehr geehrte Frau Zinn, lieber Herr Rühl, liebe Mitarbeitende von Sprungbrett, sehr geehrte Damen und Herren,

1. Sprungbrett: Parteiisch, professionell, partizipativ 

Das ist schon imponierend. Mit Sprungbrett hat sich in dieser Stadt ein gemeinnützig anerkannter Jugendhilfeträger etabliert, der ein sensibler Seismograf für soziale und auch sozialpolitische Problemstellungen ist.

Die Mitarbeitenden von Sprungbrett sehen ein Gesicht unserer Gesellschaft, das nicht wenigen, auch der politischen Prominenz, einfach verborgen ist.  

Das Spektrum der Aktivitäten von Sprungbrett ist konzeptionell gefiltert.  

  1. Sprungbrett orientiert sich an der Hilfe zur Selbsthilfe der Klientel und achtet deren autonome Willensbildung.  
  2. Sprungbrett ist empathisch parteiisch für die Kinder und Jugendlichen und zugleich professionell konzentriert auf einen nicht entgrenzten, sondern sinnvollen, passgenauen und hilfreichen Einsatz der Ressourcen.  
  3. Sprungbrett betreibt keine Moralisierung, die die Schuld für die Misere den Kindern und Jugendlichen zuschreibt (pädagogisch heißt das dann oft mangelhafte Anstrengungsbereitschaft). Sondern Sprungbrett arbeitet kontextbezogen und das heißt, dass die Mitarbeitenden auch sehen, wie sehr die persönlichen Schwierigkeiten und Notlagen auch gesellschaftspolitisch verursacht sind.  
  4. Sprungbrett nimmt also die Familie, das soziale Umfeld, das System Schule analytisch und ohne moralischen Vorbehalt in den Blick und realisiert auch die institutionellen Barrieren, die sich auftun und Teilhabe gefährden oder gar behindern. Insofern bietet sich für die Mitarbeitenden von Sprungbrett ein klares Bild darüber, wo es sich auch um Unzulänglichkeiten, wenn nicht gar um ein Versagen der Institutionen handelt.  
  • Und schließlich: Sprungbrett zückt nicht den sozialarbeiterischen Rezeptblock, um dann ungefragt Maßnahmen bei den Kindern, Jugendlichen und Familien anzuwenden, sondern erarbeitet diese Maßnahmen partizipativ mit den Kindern und Jugendlichen und mit den Eltern und arbeitet zudem meist aufsuchend, also im Lebensumfeld der Klientel. Das erinnert an das Leitbild der UN Behindertenrechtskonvention: „Nothing about us, without us.“ Nichts über uns, ohne uns!

Was ich da summarisch zusammengefasst habe, gilt sicher für die vielfältigen Ambulanten Hilfen zur Erziehung, die Sie vorhalten, das gilt sicher auch für die Förderung der Erziehung in den Familien, deren Familienmitglieder nicht zusammen wohnen und ebenso für das Projekt „PuSch“, Praxis und Schule, in dessen Kontext Sie an der Schwelle zur Berufsorientierung in der 8. und 9. Klasse ansetzen. Ebenso wie Sie durch die Diesterweg-Stipendien die Förderung der Schüler:innen an der Weggabelung zur weiterführenden Schule, also in der 3./4. und 4./5. Klasse betreibe. Das ist übrigens genau die Stelle, an der in Deutschland durch das kritisch zu befragende dreigliedrige Schulsystem sehr früh, zu früh über die bildungsbezogenen Lebensverläufe von Kindern und Jugendlichen Vorentscheidungen getroffen werden. Hier an der Weggabelung zur weiterführenden Schule werden Bildungsverlierer und damit Verlierer gesellschaftlicher Teilhabe produziert.  

Sie sind auch Parteigänger für die Jugendlichen, die landläufig als „asozial“ bezeichnet werden, weil sie delinquent geworden sind. Und um diese vor der Inhaftierung zu bewahren, die übrigens für viele der Inhaftierten gleichbedeutend ist mit einem Dauerabonnement im Strafvollzug, arbeiten Sie in Kooperation mit der Justiz an der außergerichtlichen Alternative des Täter-Opfer-Ausgleichs und der Konfliktschulung wie auch an sozialen Trainingskursen und sinnvollen Arbeitsstundenprojekten statt sinnlosem Strafvollzug.

Sie sind somit präsent bei den Kindern und Jugendlichen, in den Familien, in den Schulen, im System des Strafvollzugs und schließlich auch im Stadtteil durch die ehrenamtlich tätigen Stadtteilmütter, die interkulturell versiert Eltern bei ihren vielfältigen Fragen in der Sorge um ihre Kinder begleiten. Gespräche in Stadteilzentren, Hausbesuche und Begleitung bei Behördengängen bauen Brücken zwischen Mensch und Mensch, zwischen Menschen und Institutionen und im Sozialraum zwischen Bewohner: innen eines Stadtteils. Das ist, das muss an dieser Stelle deutlich gesagt werden, ein erheblicher Beitrag zur Förderung der Demokratie vor Ort.   

Also, so könnte man nun schließen: Herzlichen Dank und einen herzlichen Glückwunsch zum 42. Geburtstag von Sprungbrett! Alles Gute, macht so weiter, es gibt Grund zu feiern…

Aber, ein großes Aber tut sich auf: Ja, das ist eine tolle Arbeit, menschennah, klug, vernetzt, fördernd, partizipativ, präventiv, das Herz am rechten Fleck.

Aber: Wir betreiben hier keine Sozialromantik. Es liegt im Wesen der Sache, es liegt im identifikatorischen Kern des Vereins Sprungbrett, dass wir nach 42 Jahren nicht einen Punkt des selbstzufriedenen Dankes setzen, sondern ein Ausrufungszeichen des Appells, ein Fragezeichen bezüglich dessen, wie es weitergehen soll und einen Doppelpunkt, weil diese Arbeit, man muss sagen, leider Gottes, immer unverzichtbarer wird. Daher zweitens:

2. Sozialer Seismograf – der Blick über den Tellerrand 

Wie erwähnt bietet Sprungbrett eine seismografische Kompetenz, die darin begründet liegt, dass die rund 30 hauptamtlich Mitarbeitenden und die 15 ehrenamtlich Tätigen erfahrungsgesättigt auskunftsfähig sind bezüglich der Risse, Verwerfungen und Ausgrenzungsprozesse, die sich vor dem täglichen Angesicht ihrer Arbeit vollziehen. Das bedeutet auch, dass Sprungbrett nicht nur sozialarbeiterisch begleitet und interveniert, sondern auch sozialkritisch wahrnimmt, an welchen Stellen sich für Kinder und Jugendliche, für Familien und für Menschen mit Migrationshintergrund Ausgrenzungsgefahren auftun. Ihre soziale Praxis ist kritisch reflektierte Praxis in einem gesellschaftspolitisch rauen Klima. 

Dazu nur drei Anmerkungen:

• Erstens: Im Rahmen der Erziehungsbeistandsschaft geht es auch um die Planung schulischer und beruflicher Perspektiven und daher um die ersten Brückenschläge zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Bei „PuSch“, Praxis und Schule, geht es darum, Schüler:innen der 8. und 9. Klasse zu fördern. Das ist nicht irgendetwas Beiläufiges für die gesellschaftliche Sozialisation, sondern ganz zentral. Hier werden Kompetenzen für die Ausbildung und den Arbeitsmarkt gestärkt und vermittelt. Denn Arbeit im Sinne der Erwerbsarbeit ist gewissermaßen die „Zentrale“ der Gesellschaft. Für junge Menschen ist der Ausbildungsmarkt dann der „Umkleideraum“, in dem sie sich erst einmal mit der ersten Garderobe der Gesellschaftsfähigkeit ankleiden. Nicht immer passt da schon gleich jedes Kleidungsstück. Arbeit dominiert vielleicht mehr als je zuvor das gesellschaftliche Leben. Aber eben auch das Leben derjenigen, die daran keinen Anteil haben und sich als „Arbeitslose“ in ein Kollektiv der gesellschaftlich diffamierten Subjekte einreihen müssen, wie wir das im Rahmen der Debatte um die Abschaffung des Bürgergeldes wieder erlebt haben. Diese Diskussion hat den Boden der Sachlichkeit mehrfach verlassen. So wird behauptet, dass hier teilweise Mietkosten von mehr als 20 Euro pro qm übernommen werden, dass das Bürgergeld zu hoch sei und sich daher Leistung nicht mehr lohne, dass Versäumnisse von Terminen bis zur Einstellung von Zahlungen führen sollen, dass Leistungsbezieher: innen zur Aufnahme von Jobs gezwungen werden sollen und man auch keine Angst vor einem Kahlschlag und Sozialabbau habe. Was hier aufgebaut wird, ist das kollektive Bild von Menschen, die sich üppig ausgestattet als Sozialschmarotzer der Nation verhalten und stärker drangsaliert werden müssen, um sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Aber an keiner Stelle wird angemerkt, dass wir auch erhebliche strukturelle Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben, warum, insbesondere einfach qualifizierte Menschen keine Chance haben einen Arbeitsplatz zu finden. Fakt ist: Es gibt in unserer auf Erwerbsarbeit zentrierten Gesellschaft fast keinen Status, fast keine biografische Passage, fast keine Lebenssituation, deren Qualität nicht durch Arbeit maßgeblich geprägt wird. Auf keinen gesellschaftlichen Faktor wird dermaßen viel Bedeutung projiziert hinsichtlich der sozialen Kontakte und der sozialen Stellung, der Erfahrung von Sinn, der Strukturierung des Lebens. Und faktisch entscheidet Erwerbsarbeit maßgeblich über materielle Sicherheit, Vorsorge für das Alter, Anerkennung im gesellschaftlichen Gefüge und im besten Fall auch über Vermeidung von Armut, es sei denn man hätte ein millionenschweres Konto, das einem erlaubt von den Zinsen üppig zu leben, auch das gibt es. Alle, die nicht arbeiten, weil sie keine Arbeit finden und alle, die nicht mehrarbeiten, weil sie in Rente sind, merken diese enorme Prägekraft des Faktors Erwerbsarbeit. Und immer mehr Rentnerinnen und Rentner realisieren übrigens auch, dass die jahrzehntelang getane Arbeit ihnen nicht das Nötige zum Leben bietet, so dass sie weiterhin als Rentner: innen wenigstens geringfügig tätig sein müssen. Wenn Sprungbrett Brücken baut für junge Menschen, den Schulabschluss zu schaffen und eine Ausbildung antreten zu können, dann deshalb, weil hier realisiert wird, welche fundamentale Bedeutung Erwerbsarbeit hat und wie wichtig es ist, durch Erwerbsarbeit Prozesse der gesellschaftlichen Exklusion, die bis ins Alter anhalten können, möglichst zu verhindern.

• Und nehmen wir als zweites Beispiel die Förderung der Schüler: innen in der 3. und 4. Klasse der Grundschule im Rahmen der Diesterweg-Stipendien. Jedes Elternteil weiß, wie gravierend der der Einschnitt von der Grundschule zur sogenannten weiterführenden Schule im Rahmen des dreigliedrigen Schulsystems ist. Das, was immer noch Hauptschule heißt, das war es einmal, nämlich als Mitte der 60er Jahre, zu ihrer Gründungszeit etwa zwei Drittel der Schüler: innen im Anschluss an die Grundschule diesen Schultyp besuchten. Heute sind es noch 6-8 Prozent, während nun die Realschule zunehmend in den Ruf kommt, eine Restschule von bildungsschwachen Schüler:innen zu bilden. Die Bildungsforschung belegt, wie sehr der Besuch der Haupt- aber inzwischen auch der Realschule bei den Schüler:innen zur Selbststigmatisierung führt und viele schon mit 12 Jahren das Gefühl in sich tragen, zu den „Losern“ zu gehören, nicht zuletzt auch deshalb, weil Anerkennung im System Schule oftmals nur über Noten erfolgt. Hier ist übrigens ein Einfallstor der AfD, die sehr geschickt diesen Jugendlichen, die keine Anerkennung erfahren, entgegenkommt mit dem Versprechen, bei ihnen etwas zu zählen und gewürdigt zu werden.  

Der Bildungsweg, den die Kinder nach der Grundschule mit etwa zehn Jahren gehen, hat enorme Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung und auch den weiteren Biografieverlauf der Schüler: innen und sortiert schon sehr früh Kinder in drei sehr unterschiedlich bewertete Schultypen aus. Die Gesamtschule hat diese Zergliederung etwas verschoben und beginnt ab der 7. Klasse mit der leistungsbezogenen Differenzierung, was aber das Problem der leistungsbezogenen Sortierung von Lerngruppen nicht behebt. Die Arbeit von Sprungbrett setzt an dieser Problematik an, sofern die Förderung von Schüler:innen in der 3. und 4. Klasse sie befähigen soll, ihr Potenzial zu entwickeln, das oftmals zum Beispiel bei Kindern mit Migrationshintergrund wegen der Sprachbarrieren so früh noch nicht ausgeprägt ist. Diese Förderung ist bemüht genau das zu verhindern, was droht: Die Exklusion aus wichtigen bildungsbezogenen Kernprozessen gesellschaftlicher Sozialisation, was – nebenbei gesagt – bei kapitalstarken Milieus problemlos vermieden wird, weil die Finanzierung für private Nachhilfelehrer: innen oder den intensiven Englischsprachkurs in den Ferien in London kein Problem ist. Im Notfall kann immer noch auf den Besuch einer gebührenschweren Privatschule ausgewichen werden. Es ist nachweislich auch die Milieuzugehörigkeit, die, anders als etwa in Schweden, in Deutschland über Bildungschancen entscheidet. Die dadurch entstehende strukturelle Ungerechtigkeit zu durchbrechen, bei der Bildungsvorteile in vielen Fällen nichts mit der faktischen Kompetenz der Schüler:innen zu tun haben, ist ein Beitrag, den aus meiner Sicht Sprungbrett hier vor Ort leistet.

• Drittens: Wir haben zunehmend in Deutschland das Problem, dass wir Migration als einem Makel der Minderwertigkeit, der Fremdheit und Nichtzugehörigkeit betrachten. Kulturelle Vielfalt wird nicht als Gewinn, sondern als Bedrohung, als ein Verlust der angeblichen Homogenität betrachtet, die vermeintlich zu einem „Volk“ gehört. Diese Kultur der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ nimmt die Tatsache, dass jemand nicht in Deutschland geboren ist, keine deutschstämmigen Eltern hat oder dass die sexuelle Identität nicht männlich oder weiblich fixiert ist, zum Anlass, um teils verbal denunzierend, teils aggressiv gewalttätig gegen diese Menschen vorzugehen: Antimuslimisch, antisemitisch oder homophob motivierte Diskriminierungen gehören mittlerweile zum alltäglichen Sprachduktus in den Sozialen Medien. Die Arbeit der Stadtteilmütter ist ein interkultureller Brückenschlag, der bemüht ist, für Eltern Wege passierbar zu machen, die sie und ihre Kinder aus der drohenden Stigmatisierung befreien. Hier werden nicht Vorurteile, sondern hier wird Begegnung gepflegt! Diese Menschen erleben dann eine soziale Wirklichkeit der Gemeinschaft, aus der heraus sie primär als sich um ihre Kinder sorgende Eltern wahrgenommen werden, statt als Menschen aus Syrien, Pakistan oder Afghanistan.  

Verehrte Anwesende: Alle drei Beispiele zeigen an: Sprungbrett bietet eine Palette an professioneller sozialer Arbeit, ohne die es in Hanau deutlich mehr Menschen geben würde, die von gesellschaftlichem Ausschluss betroffen sind. Sprungbrett leistet daher Enormes zur Herstellung eines sozial-integrativen Klimas in dieser Stadt und trägt maßgeblich zur Inklusion derer bei, die am Rande stehen.

Aber darüber hinaus ist die Wahrnehmungsperspektive der Mitarbeitenden bemerkenswert: Sie gewinnen eine sehr fundierte Anschauung darüber, an welchen Stellen Ausgrenzungen in unserer Gesellschaft drohen und wo wir im gesellschaftlichen Gefüge einen sozialpolitischen Reparaturbedarf haben. Gerade weil Sprungbrett damit an der Schnittstelle von gelingender Inklusion oder drohender Exklusion arbeitet, ist dieser Verein auch eine Auskunftsadresse für ein Thema, zu dem ich abschließend einige wenige Bemerkungen machen möchte. 

Gemeint ist das gesellschaftspolitische Projekt der Inklusion. 

3. Exklusionen im Inklusionszeitalter? 

Machen wir eine kurze Zeitreise in die ersten Jahre nach der Inkraftsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 in Deutschland. Der UN-BRK, wie sie genannt wird, geht es bis heute wesentlich darum, für Menschen mit Behinderung bzw. Beeinträchtigung, die „volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft“ (Art 3) völkerrechtlich zu verankern. Allerdings bleibt bis heute in vielen Fällen ungeklärt, welche subjektiven Rechte Menschen mit Behinderung vor deutschen Gerichten unter Berufung auf die Behindertenrechtskonvention einklagen können. Wie kommt das, was grundsätzlich gilt, auch tatsächlich zur Anwendung?

Nehmen wir konkret das Thema Bildung, das uns ja auch im Kontext der Arbeit von Sprungbrett beschäftigt hat. Artikel 24 der Behindertenrechtskonvention meint dem Sinn nach unter dem Stichwort „integratives Bildungssystem“, dass jedes Kind mit Behinderung eine Regelschule besuchen kann, mit dem Ziel, dass Kinder und Jugendlichen erfahren, dass „ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung“ gebracht werden. Die inklusive Beschulung steht also unter dem qualitativen Anspruch, orientiert an den Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, aber natürlich gilt das auch für Kinder und Jugendliche ohne Behinderung, ihre persönliche Begabungen und Kompetenzen optimal zu fördern.  

Folglich müsste man, wie viele Lehrerinnen und Lehrer es tun, eine deutlich bessere Ausstattung und deutlich bessere Rahmenbedingungen der Arbeit einfordern: Kleinere Lerngruppen, Arbeitsmöglichkeiten in pädagogischen Teams, neue Standards der Gebäudeinfrastruktur, von Klassenräumen mit akustischer Dämmung, Ruheräume, farbliche Orientierungen der Gebäude unterstützt durch Markierungen in Brailleschrift, besseres didaktisches Material. Wenn wir uns aber vor Augen führen, dass wir in Deutschland gemäß der jüngsten Studie der KfW-Bank (Kreditanstalt für Wiederaufbau) einen enormen Investitionsstau bezüglich der Schulgebäude haben, die aktuelle Summe beläuft sich auf mehr als 67 Milliarden Euro, dass wir erheblichen Lehrer:innenmangel zu verzeichnen haben, der sich in den kommenden Jahren noch verschärfen wird, und dass die Umstellung auf digitale Lernformate oftmals nur schleppend voran geht, dann wird deutlich, dass wir schon aus strukturellen Gründen weit davon entfernt sind, die persönliche Begabungen und Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern optimal zur Entfaltung zu bringen.  

Die Probleme, mit denen die Mitarbeitenden von Sprungbrett befasst sind, sei es im Kontext der Förderung von Kindern der 3. und 4. Klasse, sei es im Kontext von PuSch, also der individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern der Stufe 8 und 9 an Gesamtschulen, deuten ja an, wie sehr das bestehende Schulsystem jetzt schon an seine Grenzen stößt, ohne dass es hierbei primär um Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung geht. Insofern gewinnt Sprungbrett an der SollBruch-Stelle zwischen dem Anspruch an eine inklusive Schule und seiner praktischen Einlösung sehr realistische Einblicke in die Grenzen dessen, was das Schulsystem aktuell leisten kann.  

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

  • Sprungbrett ist ein Akteur der Familien- und Jugendhilfe in Hanau, der genau da ansetzt, wo die Selbsthilfekompetenz der Betroffenen, auch aus Gründen des institutionellen Versagens, nicht ausreicht.  
  • Sprungbrett gewinnt eine sehr erfahrungsbasierte, sozialpolitische Anschauung davon, wo Ausgrenzungen und Exklusionen in Familien, im Schulsystem, im Strafvollzug und aufgrund von Migrationshintergrund drohen und interveniert passgenau.  
  • Und Sprungbrett bietet schließlich einen Prüfstein dafür, inwiefern die Rede von einer inklusiven Gesellschaft auch nur im Ansatz berechtig ist.  

Wir sind noch weit davon entfernt in einem Inklusionszeitalter für Menschen mit und ohne Behinderung zu leben. Umso mehr ist es gut, dass es in Hanau eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe gibt, die mit an dieser Perspektive arbeitet.

Deshalb, insofern und jetzt erst recht: Herzlichen Glückwunsch!         

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